Frankreich, ein Vorbild?

Wir waren wieder mal im Süden von Frankreich, im Urlaub. Endlich wieder mal. Im Elsaß sind wir ja öfter. Sobald ich jedoch südlich von Lyon bin, komme ich mir vor, wie nach Hause zurück gekehrt. Schon komisch, aber schön.

Als ich das meinem Bruder erzählte meinte der: Frankreich? Da war ich mal als Kind, alles was ich noch weiß ist: Die Häuser sind außen dreckig, die Autos sind klein und die Franzosen wollen nur Französisch reden, auch wenn sie andere Sprachen können.

Ich habe natürlich sofort vehement widersprochen. Und dann doch versucht, Frankreich mal ohne „rosa Brille“ zu sehen.

Also, geliebter Bruder:

  • Ja, die Autos sind tatsächlich noch immer kleiner als bei uns. Das finde ich grundsätzlich mal gut. Ich glaube, dass sich die Franzosen weniger über ihr Auto definieren. Marke, größer, schneller, mehr PS, das ist da nicht so wichtig. Statt dessen vielleicht: klein, wendig, passt in jede Parklücke. Es ist vielleicht wichtiger, mit wem und wohin man damit fährt? SUV mit französischem Kennzeichen haben wir nur wenige gesehen.
  • Die Häuser sind in der Tat oft in einem traurigen Zustand. Da klebt der Schmutz der Jahrhunderte im Putz, wenn er noch da ist, der Putz. Vor allem auf dem Land und in den Seitengassen. Da möchte ich nicht wohnen müssen. Auch da ist Prestige wohl keine Begründung für Veränderung. Vor allem, wenn die ganze Stadt so ausschaut. Im Elsaß und in anderen Touristenvierteln ist das natürlich anders. Da sehen die Häuser oft wunderschön aus. Wie es in den Häusern ausschaut, das weiß ich nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Küche tipptopp ist.
  • Was die Sprache angeht, da hat sich einiges geändert. Wie ja auch bei uns in Deutschland. Meine Gespräche mit Franzosen sind oft sehr lustig. Ich krame mein bißchen Französisch raus, will ja dazu lernen – und bekomme eine deutsche Antwort. Ich wieder auf Französisch, die Antwort wieder auf Deutsch, oder auf Englisch. Ist ja eh meine Meinung: Auf der ganzen Welt wollen die meisten Menschen ihre Arbeit gut machen. Das gibt Sicherheit beim Reisen.

Was mir viel besser gefällt, als bei uns? Das Land wirkt freier, lässiger, es ist eben nicht alles rechtwinklig, sauber, sicherheitsoptimiert, ordentlich und möglichst groß. Die Felder und Wiesen sind kleiner und nicht maschinenoptimiert. Aber es stehen Kühe auf der Wiese und Schafe und Hühner. Wichtig sind eine lebendige Landschaft, gutes Essen und viel Zeit mit Familie und Freunden. Im Restaurant findest du viel mehr große Tische, mit 8 bis 10 oder noch mehr Leuten, die zusammen essen. Und es ist genug Zeit für eine leckere Mittagspause. Wir haben unter blühenden Lindenbäumen gezeltet, ein Rausch für die Nase. Wir fuhren durch Gebiete, da liegt die Landschaft einfach nur rum, ungenutzt, ohne Zaun. Vielleicht ein paar Bienenstöcke. Ich habe in den zwei Wochen Frankreich mehr Schmetterlinge gesehen, als in 10 Jahren hier zusammen. Es gibt schlechte Straßen, ja. Sie kommen meistens ohne Leitplanke und Begrenzungspfosten aus. Es wird viel Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer genommen. Der Mann in meinem Herzen, der ja das Motorrad gefahren hat, sagt, die Franzosen machen Platz, lassen überholen, nehmen Rücksicht. Ein Vergnügen. Laut Statistik gibt es bezogen auf die Einwohnerzahl weniger Unfälle als bei uns. Leider aber mehr Verkehrstote. Naja.

Noch eine kleine Geschichte am Rande. Wir fahren einen Japaner. Und sahen tatsächlich auf einem Parkplatz genau das gleiche Motorrad stehen. Fahrer und Sozia waren ähnlich alt wie wir, wir kamen ins Gespräch. Der Franzose meinte, der Japaner sei genauso gut wie eine (hier Namen der großen deutschen Motorradmarke eintragen). Aber viel billiger. Nur wegen des Namens würde er sich so ein teueres Motorrad nicht kaufen. Statt dessen hat er sich die Sitzbank bequemer polstern lassen (das Alter!). Und noch genug Geld übrig, um durch die Lande zu gondeln.
Und das mit dem Sitzpolster machen wir jetzt auch. Soviel Frankreich steckt in uns.

Bonustrack: Konferenz zur Zukunft Europas, wenn du mit entscheiden möchtest.

Schild am Straßenrand: Wir mähen nicht so oft, um die Biodiversität zu unterstützen.


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